Am 8. Februar verlautbarte die Jury ihren Urteilsspruch: Die kambodschanischen ArbeiterInnen der Bekleidungsindustrie werden systematisch in die Armut abgedrängt. Jurymitglieder aus drei verschiedenen Kontinenten fordern nun, dass die internationale Textilindustrie sofortige Maßnahmen ergreift, um die Löhne auf ein existenzsicherndes Niveau anzuheben.
Die Jury hatte während eines zweitägigen Hearings Fakten gesammelt. Über 200 NäherInnen nahmen am Hearing teil und unterstrichen, wie dringend nötig eine Anhebung der Löhne in der kambodschanischen Bekleidungsindustrie sei. Sie sagten zu Missständen wie Mangelernährung, Schuldenfallen, temporären Anstellung zur Umgehung von Sozialleistungen, der Entlassungen von rund 1000 GewerkschaftsführerInnen nach einem sektorweiten Streik im September 2010 und Massenohnmachtsanfällen aus.
Laut Berichten der Clean Clothes Kampagne und der Asia Floor Wage Campaign sind von Juni 2010 bis Januar 2012 in Kambodscha über 2400 Arbeiterinnen kollabiert. Die Massenohnmachtsanfälle werden klar mit der gravierenden Mangelernährung in Zusammenhang gebracht. NäherInnen haben durchschnittlich für Nahrungsmittel weniger als 1 Euro pro Tag zur Verfügung. Damit können sie sich etwas Reis und eine Suppe kaufen und kommen pro Tag auf ca. 1500 Kalorien – viel zu wenig, um den harten Fabrikalltag durchzustehen.
Einer der als Zeugen anwesenden Experten wies darauf hin, dass die kambodschanischen NäherInnen in den letzten 12 Jahren einen Reallohnverlust von über 14% hinnehmen mussten. Im Finanzkrisenjahr 2008 betrug die kambodschanische Inflation vernichtende 25%. Der schon vorher viel zu tiefe Lohn fiel ins Bodenlose und verliert seither mit einer durchschnittlichen Inflation von 4-6% weiterhin rapide an Wert.
Adidas und Puma, die große Mengen von Waren aus Kambodscha beziehen, haben am Peoples' Tribunal ausgesagt. Sie wiesen darauf hin, dass sie als Mitglieder des „Fair Wage Networks“ mit Hilfe von Recherchen und Umfragen nun untersuchen wollten, wie ein „fairer Lohn“ definiert werden könne.
Die OrganisatorInnen der Asia Floor Wage Allianz drückten ihre Besorgnis aus, dass es bisher an konkreten und verbindlichen Aktionen von Markenfirmen für die Erhöhung der Löhne in Fabriken fehle.
Die 27-jährige Mutter eines zweijährigen Sohnes, die als Näherin in einer Adidas-Zulieferfabrik arbeitet, sagte vor der Jury aus, dass sie ihre alltäglichen Ausgaben für die Grundbedürfnisse ihrer Familie nicht decken könne und deshalb oft beim Vermieter Schulden machen müsse. Sie habe aktuell ca. 40 Euro Schulden und müsse monatlich um die 8 Euro Schuldzins bezahlen. „Sollte ich krank werden, hätte ich kein Geld für eine medizinische Behandlung. Ich befürchte, dass mein Geld nicht ausreichen wird, um meinen Sohn in die Schule zu schicken.“
Obwohl Gap und H&M innerhalb Kambodscha die größten Käufer kambodschanischer Bekleidungsexporte sind und obwohl die Zeugenaussagen der NäherInnen insbesondere Arbeits- und Menschenrechtsverstösse in Zulieferbetrieben der beiden Markenfirmen ins Zentrum stellten, weigerten sich die beiden Unternehmen, am Peoples' Tribunal teilzunehmen.
“Am Peoples' Tribunal wurde die tiefe Kluft zwischen den CSR-Aussagen der internationalen Markenunternehmen und der realen Situationen der asiatischen Näherinnen und Näher sichtbar“, sagt Anannya Bhattacharjee, Koordinatorin der internationalen Asia Floor Wage Allianz.
Die Clean Clothes Kampagne fordert Firmen wie Gap und H&M auf endlich öffentlich Rechenschaft darüber abzulegen, wieso sie jährlich einen Milliardengewinn machen und dennoch ihren verarmten NäherInnen keinen Existenzlohn bezahlen. NäherInnen dürfen nicht 12 Stunden pro Tag schuften und dennoch vor Hunger kollabieren.
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